Montag, 7. Februar 2011

Bärentraum

Das Zirkuszelt war klein und seine gelb-rote Plane schmutzig. Die meisten Attraktionen des Abends waren nicht besonders exotisch gewesen. Die Kinder hatten Ponys in buntem Zaumzeug zu sehen bekommen, dressierte Hunde, Akrobaten, die sich nicht in die Höhe wagten, sondern lieber auf dem Boden der Manege ihre Kunststücke zeigten und Clowns mit dünn aufgetragenem Make-Up und Kostümen, die sie vermutlich auch in ihrer Freizeit trugen. Und ein Rausch aus gebrannten Mandeln und Cola, grellen Farben und blitzenden Lichtern, schimmernden Pailletten und lauter Musik, Tiergeruch und den Bildern von Schlangen und Tigern und Elefanten auf den Postern, die überall im Dorf angebracht worden waren, und auf den Eintrittskarten, die nach der Vorstellung in Tagebücher geklebt und an Pinnwände geheftet werden sollten und dort Jahre lang hängen bleiben würden, bis sie zu alt waren, um zu verstehen, dass die Bilder von den Schlangen und Tigern und Elefanten wichtiger waren als die Tiere tatsächlich zu Gesicht zu bekommen, hatte sie fest umschlungen und würde sie mindestens noch eine dreiviertel Stunde festhalten. Und alle Mädchen wollten sein wie Ballerina im schmutzig-rosanen Tütü, die die Ponys durch die Manege führte und ihnen heimlich, aber nicht zu heimlich , Zuckerstückchen fütterte, wenn sie sich richtig aufgereiht hatten. Und alle Jungs wollten sein, wie die Akrobaten, die Saltos schlugen und Flickflacks und Purzelbäume und ein Junge und auch ein Mädchen wollte so sein, wie die Clowns mit den zu großen Hosen und Schuhen, bei denen es nichts auszumachen schien, wenn sie stolperten und hinfielen und sich schmutzig machte und denen es nicht weh tat, wenn man über sie lachte. Und auch wenn die Kinder leicht zu beeindrucken waren und nicht sahen, wie heruntergekommen der kleine Zirkus eigentlich war, so war sein Direktor doch Profi genug und lies es sich nicht nehmen seine zugegebenermaßen schwache Vorstellung doch mit einem doppelten Höhepunkt enden zu lassen. Als Vorbereitung auf das große Final lies er von einem seiner Assistenten ein Kamel in die Manege bringen. Oder vielleicht war es ein Dromedar. Oder vielleicht auch ein Trampeltier. Wer konnte das schon genau sagen. Auf jeden Fall war es das größte Tier, das die Kinder bisher zu Gesicht bekommen hatten und auch das bisher einzige, das sie nicht auch auf einem der vielen Bauernhöfe im Dorf sehen hätten können. Da dem altersschwachen Tier nur eine Runde durch das Zelt zugemutet werden konnte und auch um die Vorstellung nicht unnötig hinauszuzögern wurde die drei Kindern ausgewählt und zum Direktor hinabgewunken, die nicht allzu fett waren und es trotzdem geschafft hatten genügend andere Kinder aus dem Weg zu schubsen. Unter den neidischen Blicken der versammelten Grundschüler der Grashüpferschule ging das gewaltige Tier auf ein Zeichen des Zirkusdirektors hin auf die Knie und die Kinder kletterten auf seinen Rücken und zwischen die Höcker. Unter sichtlichen Anstrengungen wuchtete sich das Tier wieder in eine aufrechte Position und wankte keuchend und gegen den Uhrzeigersinn durch den Sand. Als die Kinder endlich wieder vom Buckel des alten Giganten stiegen und auf dem Weg zurück zu ihren Plätzen stolz zu ihren Eltern und ihren Feinden schauten, atmete er erleichtert auf und trabte aus dem Zelt um sich mit Äpfeln und Karotten über die Knieschmerzen hinweg zu trösten und sich seelisch auf die nächste Vorführung vorzubereiten. Nachdem alle Kinder wieder Platz genommen hatten läutete eine Fanfare vom Band das große Finale ein. Alle Scheinwerfer wurden auf den Zirkusdirektor gerichtet, der an einer roten Leine einen schwarzen Bären hinter sich her in die Manege führte und mit ihm ein paar Runde drehte, damit auch jeder sehen konnte, wie groß und prächtig das Tier war. Was man wirklich sehen konnte, wenn man nur genau genug hinsah, war, dass der Bär an manchen Stellen schon gar kein Fell mehr hatte und als er gelangweilt gähnte blitzte kein einziger Zahn mehr in seinem dunklen Maul. Als der spanische König in Russland auf Staatsbesuch war und auf Bärenjagd gehen wollte, musste man einen Tanzbären, den Liebling der Kinder einer kleinen Ortschaft, mit Wodka und Schlaftabletten gefügig machen und dem ausländischen Regenten vor die Flinke schubsen, weil sich weit und breit keiner wilder Bär finden lies. Auch der Bär im Zelt gähnte ununterbrochen und trotzdem hielten die Kinder den Atem an, als der Zirkusdirektor das Publikum fragte, wer so mutig, so verwegen, so kühn sei und es wagte mit dem Bären zu tanzen. Erwartungsvoll blickte er in die Ränge aber keine Hand hob sich. Die ein oder andere Mutter schielte ängstlich zu ihrem Mann hinüber und legte ihm die Hand auf die Schulter,, weil sie ihn für dumm genug hielt die Einladung anzunehmen. Die Sorge war unberechtigt. Keiner war sich sicher, ob sie ernst gemeint war, oder nicht. Der Direktor war ein zu guter Schauspieler, als das er sich in die Karten hätte schauen lassen. Aus der Stereoanlage hinter Mann und Bär begann ein Lied zu erklingen. „Moment, Moment!“, rief der Zirkusdirektor dem unsichtbaren Dirigenten zu. „So leicht geben wir uns nicht geschlagen.“ Dann lief er noch eine Runde mit dem Bären im Schlepptau durch die Manege und schaute Kindern, Müttern und Vätern tief in die Augen, blieb hier und da einen Moment länger stehen und schaute noch erwartungsvoller als beim ersten Anlauf. Aber wieder nichts. Der Direktor war ein Profi. „Wenn niemand mit Matilda tanzen will, dann müssen wir die Vorstellung wohl hier beenden. Tut mir wirklich leid meine Kleine. Nimms nicht persönlich. Dann herzlichen Dank für Ihren Besuch und kommen Sie bald wieder.“ Damit drehte er dem Publikum den Rücken zu und ging in Richtung des Artistenausgangs. „Nein! Nicht aufhören!“, riefen alle Kinder ganz besorgt. Langsam drehte der Zirkusdirektor sich um und schaute auf die Bärin und dann ins Publikum. „Aber wenn niemand mutig genug ist mit Matilda zu tanzen, wie soll die Vorstellung dann weitergehen“, fragte er und im Zelt herrschte Stille. Nur die Bärin gähnte schmatzend. Sie wusste schon was jetzt kam. „Soll ich vielleicht mit ihr tanzen?“, fragte der Direktor, nachdem er eine Weile in ein theatralisches Grübeln verfallen war. „Jaaaa!“, schallte es ihm donnernd entgegen und er lächelte zufrieden. „Na gut, wenn ihr es so wollt. Maestro, Musik!“ sagte er und als der erste Ton des langsamen Walzers ertönte erhob die Bärin sich schwerfällig auf die Hinterbeine und legte dem Mann seine Pfoten auf die abgewetzten Schulterklappen seines Kostüms. Erst jetzt konnte das Publikum sehen wie groß das Tier eigentlich war. Es überragte den Direktor, der selbst ein stattlicher Mann war, um mindesten eine Kopflänge und seine Pranken waren so breit wie die Schultern des Mannes. Zu den Klängen des Walzers schlingerten beide nun wie ein betrunkenes altes Ehepaar durch den Sand und die Sägespäne. Vorsichtig, hin und her, immer kurz davor umzufallen. Die Bären blickte zu ihrem Tanzpartner hinab und blies ihm ihren warmen Atem ins Gesicht. Einen Atem, der nach Wurzeln roch, nach Laub, nach Gras und Tannen. Nach Erde und Wasser. Nach Wald und Bergen. Und sie wankten von einem Bein aufs andere, inmitten der Klavierklänge, der blinkenden Lichter, der glänzenden Goldknöpfe der Jacke des Direktors und des Geruchs der kleinen Angstschweißperlen, die auf seiner Stirn glänzten und an Kinderrücken herunter liefen. Inmitten dieses Geruchs, den die Bärin so liebte und der sie noch einen Tag leben lies. Genau wie der Applaus des Publikums den alten Mann.

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